Wie jede Woche ein neues Interview aus der schwarzen Szene, diesesmal beantwortet das Trio “Rotersand” unsere Fragen.
Goth for Earth: Die Schwarze Szene ist nicht unbedingt für ihr Umwelt-Engagement bekannt. Befürwortet ihr, dass diese Thematik in der Szene mehr Beachtung findet oder seht ihr darin einen Widerspruch?
Rotersand: Ich kann darin keinen Widerspruch sehen. Tatsächlich fände ich es interessant worin der bestehen soll. Ich würde es begrüßen, wenn es im Szenekontext mehr Texte hätten die sich von “Gruselszenarien” aus Gegenwart, Fiktion oder Vergangenheit abwenden würden und sich den eher gegenwartsbezogenen Problemen des “Alltags” zuwenden täten, unter anderem den Thema Umwelt.
G4E: Wir haben die Initiative Goth for Earth beim WGT 09 mit einem GriffonVox Walking Act und einer anschließenden Besucherumfrage zum Thema Umwelt ins Leben gerufen. Habt ihr davon gehört? Wo seht ihr als Künstler eure Möglichkeiten dieses Thema in die Öffentlichkeit zu tragen?
Rotersand: Nein, haben wir nicht, wir waren aber auch nicht beim wgt09 zugegen. Ich glaube nicht an die Macht eines einzelnen Songs, der unter Umständen im Tanzclub meines Vertrauens gespielt wird, während Leute sich zu recht amüsieren, entspannen, anbändeln… vielmehr glaube ich, dass die Szenemedien sich dieses Themas annehmen sollten.
G4E: Es gibt heutzutage ja schon viele Möglichkeiten Tonträger und Merchandise eco-friendly herzustellen. Habt ihr euch schon damit beschäftigt oder auch konkrete Erfahrungen gemacht? In wie weit habt ihr als Künstler die Möglichkeit Einfluss auf eine “eco friendly” CD Produktion zu nehmen?
Rotersand: Ich glaube, da muss man ehrlich sein. Und man mag mich zynisch nennen. Die ökologischste CD scheint mir die zu sein, die nicht hergestellt wird. Wenn wir uns also von physischen Tonträgern verabschieden, was zunehmend passiert, ist das gewiss ganz gut (ich räume ein, dass ich keine Ahnung von der Umweltbilanz für “Music-Downloads” habe), den Zwischenschritt von eco-friendly CDs finde ich daher inkonsequent. In diesem Zusammenhang kann man allerdings in endlose Diskussionen über den physischen Tonträger als Kulturgut führen, ebenso wie den Diskurs über die realistischen Einahmen von Künstlern aus der Online-Distribution ihrer Musik. ich glaube nicht, dass sich die meisten Labels oder Künstler in einer kriesengeschüttelten Branche es sich leisten können Mehrkosten für eco-friendly CDs in Kauf zu nehmen. Ja das ist zynisch. Auf der anderen Seite sehe ich nicht, dass diese Kosten über noch höhere CD Preise beim Käufer durchsetzbar wären, da mangelt es an Sensibilität.
G4E: Wie sieht es denn bei euch zu Hause aus? In wie weit hat sich persönlich bei euch etwas geändert? Was plant ihr für die Zukunft?
Rotersand: Die zunehmende Computerisierung in der Musikproduktion hat als positiven Nebeneffekt gewiss eine Reduktion des Stromverbrauches gebracht. Ökostrom ist mitnichten essentiell teurer als “normal”-Strom.
G4E: Im Musikgeschäft geht es nicht gerade Ökologisch zu. – z.B. das Touren. Welche Möglichkeiten seht ihr für Ökologisch sinnvolle Veränderungen? Wie groß ist hier der Einfluss der Künstler?
Rotersand: Welcher Teil des Tourens ist nun ökologisch besonders verachtenswert? Ist ein Reisebus, den die Band benutzt um von Show zu Show zu fahren schlechter, als eine Menge Fans, die alle in ihren Autos zu einem weiter entfernten Ort fahren, um ihr berechtigtes Bedürfnis nach einer Kulturveranstaltung und eine sozialen Event zu befriedigen? Im Lichtbereich hat die LED-Technik eine positiven Beitrag. Der Einfluss der Künstler auf die ökologische Ausgestaltung eines Konzertabends ist gering. Da sind die Club- und Konzerthallenbetreiber oder Festivalveranstalter gefragt, als Künstler sind wir vorwiegend Gast.
G4E: Wo liegt eurer Meinung nach der größte Handlungsbedarf?
Rotersand: Die Ehrlichkeit in Debatten wie dieser sollte zunehmen. Ich kann nicht abschätzen wie viel besser eine eco-friendly CD im Verhältnis zu einer normalen ist, wie viel er CO²-Austoss eines Clubabends im Verhältnis zu einem Theaterabend, Kinofilmbesuch, Restaurantbesuch oder sonst einer Freizeitveranstaltung ist.
G4E: Danke für das Interview sagt Goth for Earth
Statement von Goth for Earth zu Interview:
Wer wie Rotersand genaueres wissen möchte über die Ökobilanz von Festivals/Konzerten, sollte sich einmal die Studie von Julie’s Bicycle in Zusammenarbeit mit dem Oxford Environmental Change Institute anschauen. Die Zahlen sind zwar für Großbritannien, doch die generelle Aussage, dass 43 % des CO² Ausstoß der Musikindustrie nur auf den Fanverkehr zurück zu führen ist, ist mit Abstrichen auch auf den deutschen Markt übertragbar. Auch zur CD Ökobilanz gilbt es eine Studie.
[Download: Zusammenfassung der Studie "UK Music Industry Greenhouse Gas Emissions for 2007" - hier bei Green Music Initiative Online gestellt]
[weitere Studien frei downloadbar bei Julie’s Bicycle]
Wer an einer ehrlichen Debatte Interesse hat und sich informieren möchte, kann den „1. Round Table für eine nachhaltige Gothic/Independent Szene“ parallel zum Wave Gotik Treffen am 23. Mai 2010 in Leipzig besuchen. Dort werden auch genau diesen Kritikpunkte diskutiert und nachahmenswerte, ökologisch sinnvolle und wirtschaftlich realisierbare Ideen vorgestellt.
[>> Hier zum 1. Round Table ...]

